DE
Das Werk Residual Syntax ist eine sechskanalige Sound-Komposition, die speziell für den Kunstbau (Lenbachhaus) entwickelt wurde.
Es geht von einem einfachen Gedanken aus: Was bleibt von der Sprache, wenn ihre Struktur erhalten bleibt, aber die sprachlichen Einheiten entfernt werden?
Unter Verwendung eines vollständigen Satzzeichensatzes, entnommen aus Samuel Becketts Texts for Nothing (1950–52), veröffentlicht in Stories and Texts for Nothing (1967), wird jedes Zeichen einem spezifischen zeitlichen Verhalten zugeordnet, etwa Dauerwerten, MikroPausen, Dichteverschiebungen oder subtilen Umverteilungen über die sechs Kanäle, wodurch ein pseudo-notationales System entsteht, das den Ablauf der Komposition strukturiert.
Stimmliche Reste wie Atemzüge, Einatmen und fragmentarische Äußerungen erscheinen eher als Spuren des Lesens denn als als gesprochene Sprache. Die Partitur entfaltet sich entlang der 110 Meter langen Achse des Kunstbaus, wobei die Ereignisse driftend, wiederkehrend oder ausdünnend verlaufen, als folgten sie einem inneren Atemrhythmus.
Die Lage des Kunstbaus unter einer historisch aufgeladenen Oberfläche erzeugt eine räumliche Spannung zwischen Oben und Unten. Die Nachkriegsstruktur befindet sich innerhalb eines geschichteten urbanen Kontexts. Dessen Richtungszug, Linearität und gestreckte Ausdehnung prägten die Herangehensweise an die Komposition selbst.
In diesem Rahmen bietet Becketts Rhythmus der Stimme – auftauchend, zurückweichend, wiederkehrend, fortfahrend – einen Zugang zu einem Raum, der von Diskontinuität geprägt ist.
Das Stück reagiert darauf, indem es den Klang als Residuum statt als Erzählung wirken lässt. Es zeichnet Muster nach, die sich über die Länge des Tunnels entfalten, zerstreuen und wieder zusammensetzen. Das Hören vollzieht sich langsam. Es folgt den Spuren, die Architektur, Wahrnehmung und sprachliches Residuum miteinander verbinden.
Im Zusammenhang mit der Ausstellung wird im Frühjahr 2026 eine CD veröffentlicht.
Photos: Lukas Schramm
Sound und Experiment × Lenbachhaus
Kunstbau
In der ersten Dezemberwoche weicht Dan Flavins
„untitled (for Ksenija)” (1994)
im Kunstbau ortsspezifischen akustischen Arbeiten von Studierenden aus dem Programm „Sound und Experiment“ von Florian Hecker (Bayerisches Spitzenprofessurenprogramm – Akademie der Bildenden Künste München).
Nach dem Erlöschen des Flavinschen Lichtraums manifestieren sich diese Arbeiten im Raum als hör- und spürbare Präsenz. Aus dem Zusammenspiel von direktem Schall und vielschichtigen Resonanzen entstehen temporäre Erfahrungsräume, die die sensorische Wahrnehmung des Raums ebenso erweitern wie die Selbstwahrnehmung der Besuchenden.
Der Raum
Der Kunstbau, durch achtzehn Pfeiler in zwei Schiffe gegliedert, verfügt über eine Rampe und eine im hinteren Teil eingefügte Rotunde mit Treppe, wobei die ursprüngliche Form des Ingenieurbaus nahezu unverändert erhalten blieb. Der Raum folgt einem länglichen, leicht gebogenen Grundriss mit einer Fläche von etwa 1.590 m², einer lichten Höhe von 5,30 m und somit einem akustisch wirksamen Volumen von rund 8.190 m³.
Die Oberflächen im Kunstbau absorbieren nur wenig Schall. Die Materialität, das große Raumvolumen und die nahezu parallelen Oberflächen des Raums verstärken diese Eigenschaft, sodass sich Geräusche frei ausbreiten können. Dadurch entstehen eine lange Nachhallzeit und ein vielschichtiges akustisches Gefüge. Diese besondere Akustik ergibt sich – neben der geringen Schallabsorption der Oberflächen – aus dem großen Raumvolumen, der nahezu parallelen Struktur und der daraus resultierenden Bündelung sowie Reflexion des Schalls.
Lautsprechersystem
In den nördlichen und südlichen Ecken des Kunstbaus sind zwei Line-Array-Lautsprechersysteme installiert, die in engem Austausch mit Meyer Sound – einem der weltweit führenden Hersteller hochmoderner Lautsprechersysteme – speziell für dieses Projekt konzipiert wurden.
Sie bestehen jeweils aus drei Subbässen und vier weiteren Line-Array-Lautsprechern, die – anders als bei der konventionellen Verwendung – mit separaten Audiosignalen angesteuert werden, jedoch im Verbund wirken. Die monolithisch erscheinenden Volumina im Raum agieren somit als mehrstimmige Ensembles von Lautsprechern, die über den gesamten hörbaren Frequenzbereich Signale mit außergewöhnlicher Phasenkohärenz und äußerst geringer Verzerrung wiedergeben – auch in Konzertlautstärke.
Künstlerischer Rahmen
Die Konstellation aus der ungewöhnlichen Architektur und der gegebenen Akustik des Kunstbaus sowie dem besonderen Lautsprechersystem bildet die Bühne für elf projektspezifische Sound Pieces – Kompositionen und klangkünstlerische Arbeiten – der teilnehmenden Künstler*innen aus dem Programm „Sound und Experiment“.
Neben einer Interpretation des Kontexts, in dem Flavins Arbeiten im komplexen Feld der Minimalismen und materiellen Reduktionen des 20. Jahrhunderts verortet sind, dient diese Auseinandersetzung als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit pseudo-temporalen Formen, iterativen akustischen Strukturen, Mikrovariation, Nicht-Gleichheit, Musterbildung und Klängen an den Rändern menschlicher Wahrnehmung – sowie eine künstlerische Untersuchung von Raummoden, Anregungsfrequenzen und hörbaren Reflexionen als klanglichem Material.
Die ausgestellten Arbeiten dramatisieren Formen des Hörens und Komponierens, die auf Differenz, Wiederholung und Reduktion beruhen, und setzen prozessuale Ansätze ein, in denen die Struktur selbst zum Träger der Wahrnehmung wird. Anstelle dramatischer Entwicklungen oder dynamischer Zuspitzungen liegt der Fokus auf Zuständen scheinbarer Statik, in denen subtile Veränderungen aus der inneren Logik des Materials hervortreten.
Künstler*innen
Die Ausstellung im Kunstbau präsentiert mehrkanalige, akustische Neuproduktionen von:
Sofian Biazzi
focus baby
Daniel Gianfranceschi
Bruno Younes Haas
Jahy Hwang
Caroline Kretschmer
Bradley Leonard
Léa Manoussakis di-Bona
Maria Margolina
Camilla Metelka
Vasilii Vikhliaev
Publikation
Im Frühjahr 2026 erscheint eine CD mit ausgewählten Arbeiten der beteiligten Künstler*innen.
Informationen & Credits
Eintritt: frei
Kuratiert von: Johannes Michael Stanislaus
Eine Kooperation mit dem Programm „Sound und Experiment“ von Florian Hecker
(Bayerisches Spitzenprofessurenprogramm – Akademie der Bildenden Künste München)
Mit freundlicher Unterstützung von Förderverein Lenbachhaus e. V.
ENG
Residual Syntax is a six-channel sound composition developed specifically for the Kunstbau (Lenbachhaus).
It departs from a simple idea: what remains of language when its structure is preserved but its linguistic units are removed?
Using a complete set of punctuation marks taken from Samuel Beckett’s Texts for Nothing (1950–52), published in Stories and Texts for Nothing (1967), each mark is assigned a specific temporal behavior—such as durational values, micro-pauses, shifts in density, or subtle redistributions across the six channels. In this way, a pseudo-notational system emerges that structures the progression of the composition.
Vocal remnants such as breaths, inhalations, and fragmentary utterances appear less as spoken language than as traces of reading.
The score unfolds along the 110-meter axis of the Kunstbau, with events drifting, recurring, or thinning out, as if following an internal rhythm of breathing.
The Kunstbau’s location beneath a historically charged surface generates a spatial tension between above and below. The postwar structure is embedded within a layered urban context. Its directional pull, linearity, and elongated extension shaped the compositional approach itself.
Within this framework, Beckett’s vocal rhythm—emerging, receding, recurring, continuing—offers an entry point into a space marked by discontinuity.
The piece responds by allowing sound to function as residue rather than narrative. It traces patterns that unfold along the length of the tunnel, disperse, and reassemble. Listening takes place slowly. It follows the traces that connect architecture, perception, and linguistic residue.
In connection to the exhibition, a CD will be released in spring 2026.
Photos: Ernst Jank
Sound and Experiment × Lenbachhaus
Kunstbau
In the first week of December, Dan Flavin’s
untitled (for Ksenija) (1994)
in the Kunstbau gives way to site-specific acoustic works by students from the program Sound and Experiment, led by Florian Hecker (Bavarian Elite Professorship Program – Academy of Fine Arts Munich).
After the Flavin light installation is extinguished, these works manifest in the space as audible and tangible presences. Through the interplay of direct sound and layered resonances, temporary experiential spaces emerge that expand both the sensory perception of the architecture and the visitors’ self-perception.
The Space
The Kunstbau is divided into two naves by eighteen pillars and features a ramp as well as a rotunda with staircase inserted at the rear. The original form of the engineering structure has remained largely unchanged. The space follows an elongated, slightly curved floor plan with an area of approximately 1,590 m², a clear height of 5.30 m, and an acoustically effective volume of around 8,190 m³.
The surfaces of the Kunstbau absorb very little sound. The material qualities, large spatial volume, and nearly parallel surfaces reinforce this condition, allowing sound to propagate freely. As a result, the space exhibits a long reverberation time and a complex acoustic texture. This distinctive acoustics arises not only from the low sound absorption of the surfaces, but also from the large volume, the near-parallel structure, and the resulting focusing and reflection of sound.
Sound System
Two line-array loudspeaker systems are installed in the northern and southern corners of the Kunstbau. Developed specifically for this project in close collaboration with Meyer Sound—one of the world’s leading manufacturers of advanced loudspeaker systems—each system consists of three subwoofers and four additional line-array speakers.
Unlike conventional usage, these speakers are driven by separate audio signals while operating as a coherent ensemble. The monolithic volumes in the space thus function as polyphonic speaker ensembles, reproducing signals across the entire audible frequency spectrum with exceptional phase coherence and extremely low distortion—even at concert-level volumes.
Artistic Framework
The constellation of the Kunstbau’s unusual architecture, its specific acoustic conditions, and the custom-designed loudspeaker system forms the stage for eleven project-specific sound pieces—compositions and sound works by the participating artists from the Sound and Experiment program.
Alongside an interpretation of the context in which Flavin’s works are situated within the complex field of 20th-century minimalisms and material reductions, this engagement serves as a starting point for exploring pseudo-temporal forms, iterative acoustic structures, micro-variation, non-identity, pattern formation, and sounds at the edges of human perception. It also constitutes an artistic investigation into room modes, excitation frequencies, and audible reflections as sonic material.
The exhibited works dramatize modes of listening and composing based on difference, repetition, and reduction, employing process-based approaches in which structure itself becomes the carrier of perception. Rather than dramatic developments or dynamic climaxes, the focus lies on states of apparent stasis, in which subtle changes emerge from the internal logic of the material.
Artists
The exhibition presents new multi-channel acoustic productions by:
Sofian Biazzi
focus baby
Daniel Gianfranceschi
Bruno Younes Haas
Jahy Hwang
Caroline Kretschmer
Bradley Leonard
Léa Manoussakis di-Bona
Maria Margolina
Camilla Metelka
Vasilii Vikhliaev
Publication
A CD featuring selected works by the participating artists will be released in spring 2026.
Information & Credits
Admission: Free
Curated by: Johannes Michael Stanislaus
A cooperation with the program Sound and Experiment by Florian Hecker
(Bavarian Elite Professorship Program – Academy of Fine Arts Munich)
With the kind support of Förderverein Lenbachhaus e. V.